Pirsch durch ein Traum-Revier

Jagdgesellschafter von einst stehen vor neuen Aufgaben


Über Conow liegt die Ruhe eines frühsommerlichen Nachmittages. Der laue Wind trägt den Geruch frisch gemähten Grases und den Duft wilder Rosen heran, die in unglaublicher Üppigkeit die Hänge oberhalb des "Zansens" überwuchern.

Tierwelt WildschweinAufgeschreckt vom Motorgeräusch des Jagdwagens, trollt sich ein halbstarker Schwarzkittel vom Wasserloch eines eiszeitlichen Solls ins nahe Dickicht. Mutter Reh führt ihre beiden Sprösslinge aus. Gleich Zicklein springen die Kitze übermütig durch die knietiefe Wiese. Eine zweite Ricke beobachtet das ganze aus einiger Entfernung. Im hohen Gras, durchsetzt von den roten Rispen des Sauerampfers, ist ihr Kopf mit den aufgestellten Lauschern kaum zu erkennen. Entlang eines frisch aufgegangenen Mais-Schlages arbeitet sich der dunkelgrüne Kombi Marke ,,Trabant" in einer Traktorspur die Flanke des Hügels hinauf. Von der neu errichteten Kanzel auf der Kuppe hat man einen weiten Blick über das Revier. 850 Hektar Jagdgelände - ein dauergewelltes Auf und Ab von Wiesen, Weiden, Wald und Äckern, gesprenkelt mit den Vegetationsinseln der Sölle. Natur pur und satt so weit das Auge reicht.


Wir werden wohl noch ein paar Querstreben im Boden verankern müssen", meint Klaus und klopft gegen die Beine des Hochsitzes. ,,Beim letzten großen Sturm ist einiges an Kanzeln zu Bruch gegangen." Klaus Brauer ist Berufsjäger und im Revier für alle jagdliche Einrichtungen zuständig.

Über dem Kamm der Hügel geht es entlang der "Drachenschlucht" hinunter zum Großen Karpfensee. Sein südöstliches Ufer ende markiert die Landesgrenze zu Brandenburg. Abgeschieden und Busch umschlungen liegt das Gewässer in der Weit der Landschaft. Ein Traum für Petrijünger - und für andere Fischer. "In zwei, drei Wochen' so unser Pirschbegleiter, "wimmelt es hier von Kormoranen." Die Vorhut der schwarzen, Pfeil schnellen Taucher und Fischjäger ist bereits eingetroffen. Ihr Lieblingsplatz scheint das nackte Geäst einer Schwarzerle zu sein, die auf einer schmalen, von Schilf umgürteten Landzunge steht. Die scharfen Exkremente der Vögel haben den Baum im Wipfelbereich kahl werden lassen. Im Morast des Ufersaums male sich zu Dutzenden die Trittsiegel von Reh- und Damwild an das hier im Verein mit Wildschweinen ungestört zur Tränk geht.

Tierwelt Ricke mit KidsNatürlich hat Jan schon in "Großen Karpfen" geangelt Nomen est omen, denn Karpfen und Schleie hat's prächtige in See. Seine kapitalste Beute, ein Hecht von gut 20 Pfund, ging nm mehr zufällig an den Haken. Vom jubilierenden Gesang der Lerchen begleitet, geht es querfeldein weiter. Erstaunlich was die 28 PS-chen eines "Trabbis" eisten. An einem aufgegebenen Torfstich schrecken wir eine der selten gewordenen Wiesenweihen auf. Sie streicht ab, bevor wir mit der Kamera zum Schuss kommen. Seeadler, Habichte, Sperber, Rohrweihen, roter und schwarzer Milan - der Artenreichtum an Greifvögeln in diesem Revier ist ebenso faszinierend wie überwältigend.

Das trifft auch auf den Besatz an jagdbarem Wild zu. Reh-, Dam- und Schwarzwild in erstaunlichen Stückzahlen haben hier ihren Lebensraum. Zudem ist das hügelige Gelände mit seinen Hecken und Vegetationsinseln ideal für Flug- und Niederwild. Doch in den vergangenen Jahrzehnten gab es davon so gut wie nichts mehr. Fasane, Rebhühner, Hasen und Kaninchen hatten Seltenheitswert. Das Problem war ,,hausgemacht": Füchse, Marder und anderes Raubzeug wurden kaum gejagt. Die Räuber vermehrten sich überproportional. Wild, das am Boden brütet oder dort seinen Nachwuchs aufzieht, hatte kaum Chance hochzukommen. Mittlerweile gibt es in Conower Flur wieder einen reichen Besatz an Hühnerwild, an Hasen und Kaninchen. In den Uferzonen der Teiche und Seen brüten Haubentaucher und Graugänse - ungestörter und sicherer, weil insbesondere Füchse, die die Tollwut weiter tragen, kurz gehalten werden. Hege und Jagd ergänzen einander, mit dem Ziel, der Kulturlandschaft die ursprüngliche Vielfalt der Tierwelt zurückzugeben und zu erhalten.

In Fürstenhagen treffen wir einen Mann, der Wald und Feld wie seine Westentasche kennt. Wir kommen ins Fachsimpeln. Klaus Brauer ist hier geboren und aufgewachsen. Darüber hinaus stand er vor der Wende der örtlichen Jagdgesellschaft vor -ein Zirkel, in dem 14 Waidmänner zusammengeschlossen waren.

Tierwelt StorchTheoretisch hätte jeder Bürger nach erfolgreich absolvierter Jägerprüfung einer Jagdgesellschaft beitreten können. Doch die Praxis sah anders aus.
Brauer: ,,Man musste entweder der Polizei oder den Kampfverbänden angehören, um als Mitglied aufgenommen zu werden.« Eine private Waffe besaßen die Jagdgesellschafter nicht. Die Flinten verwaltete zentral der Jagdvorsteher. In der Saison wurde das Gewehr dann für maximal 72 Stunden an einen Jäger ausgeliehen, samt abgezählter Munition. Sein Name wurde registriert, ebenso die »Nicht der Geweihe Wucht und Stärke, nicht Stangenmaß, Gewaif und Wehr; das Drum und Dran vom Waidewerke gereicht dem Jägersmann zur Ehr. «

Anzahl der ausgehändigten Patronen. Schließlich musste der Jagdvorsteher über jeden Schuss Buch führen, um notfalls Rechenschaft ablegen zu können. ,,In der Regel bestand unsere Munition aus Schrot- und Flintenlaufgeschossen. Eine Büchse in der Gewehrkammer stellte schon eine echte Rarität dar. Wer so etwas zur Jagd mitnehmen durfte, gehörte entweder der Stasi an oder zählte zu den oberen Parteichargen", erläutert Brauer die Usancen der sozialistischen Waidgerechtigkeit. Aus den Jagdgesellschaftern der Vorwendezeit sind inzwischen -paradoxer Terminus - ,,Jagdgenossen" geworden. Sie haben einen Hegering gegründet, und im wenige Kilometer entfernten Wesenberg hat sich eine Jagdschule etabliert, ,,denn einiges ist für uns doch Neuland", bekennt Jan freimütig. Auch er, der im niederlausitzschen Weißwasser Forstwirt gelernt hat, drückt in Wesenberg die Schulbank.

Mit der sinkenden Sonne treten wir den Rückweg an, halten noch einmal auf einer Kuppe, um Störche zu beobachten, die in einer Senke auf Frosch- oder Mäusejagd gehen. Vom nahen Tümpel klingen die dunklen, urigen Rufe der Unken durch die Abendstille.

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