"Wir ziehen man bloß die Dom-Uhr auf"


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Von den Eigenschaften des "typischen" Mecklenburgers

Man sagt den Mecklenburgern nach, sie seien halsstarrig, stur, maulfaul und trinkfest, indessen auch arbeitsam, bodenständig, prinzipientreu und selbstbewusst" - also die Westfalen des Ostens? "Stimmt alles und stimmt alles auch nicht", meint Jürgen Borchert, Fotograf, Bibliothekar und zweimaliger Fritz - Reuter - Preisträger. Borchert muss es wissen. Schließlich ist er seit 50 Jahren Mecklenburger. Wirklich typische Mecklenburger, die gleich alle diese Eigenschaften in einer Person vereinen, habe ich noch nicht gesehen. Und was Außenstehende für ,Sturheit' halten, stellt sich bei näherem Hinsehen doch eher als Beharrungsvermögen heraus. Ehe die Mecklenburger von einer Überzeugung lassen, um eine andere anzunehmen, da muss ihren schon die Kraft des Beweises geboten werden. Und was sie sich einmal vorgenommen haben, wird - unter allen Umständen - zu einem Ende gebracht. Es gibt eine alte Anekdote, die das Verhalten der Mecklenburger treffend charakterisiert:

Zwei Müllerburschen wollten sich im Sacktragen messen. Jeder sollte 50 Zwei - Zentner - Säcke Korn von einem Leiterwagen 50 Schritte weit in die Mühle tragen. Der Berliner ging's scharf an, jagte sich ab, brauchte nach dem zwanzigsten Sack ein Glas Bier, nach dem dreißigsten eine Pause und japste nach Luft.

Kirchturm Führstenhagen
Der Mecklenburger spie gemächlich in die Hände, trug seine Last Sack für Sack langsam, aber mit zäher Regelmäßigkeit, seine Kräfte klug einteilend, in die Mühle, warf sie dort ab, schlenderte ebenso gemächlich, sich eins pfeifend zurück und gewann schließlich mit fünf Säcken Vorsprung.

Und was tat er wohl? Nein, er höhnte und feixte nicht, er half dem Rivalen den Rest zu bewältigen. Der Mecklenburger liebt eine Mecklenburgerin (oder deren zwei), Fisch, Koem - das ist Kümmelschnaps -, seine plattdeutsche Sprache und die Erde, auf der er lebt. Der Mecklenburger hasst Großsprecherei, Leute, die im Wald oder am Rand eines reifen Kornfeldes rauchen, Uniformen (mit Ausnahme maritimer Herkunft), ruhestörenden Lärm (es sei denn, er produziert ihn selbst) und Ungeduld.

Und: Mecklenburger singen gern. Am liebsten ihre "Nationalhymne", dass dreihundertsiebenundfünfzig Strophen lange Lied "Vun Herrn Pasturn sien Kauh", und Martha Müller - Grählerts elegisches "Wo de Ostseewellen trecken an den Strand". Dass sie gern tanzen, halte ich hingegen für eine Legende. Das Wichtigste aber - Mecklenburger arbeiten mit Leidenschaft. Das trifft sowohl auf Stadt- wie auf Landleute zu. Zugucken allerdings lassen sie sich nicht gern dabei. So zogen einmal zwei Kanalarbeiter zu Füßen des Schweriner Dom-Turms, mit der Winde angestrengt kurbelnd, die Stahlbürste durch eine Kanalisationsröhre. Ein Fremder blieb stehen und fragte nach dem Sinn der Tätigkeit. Antwort: "Wir zeihen man bloß die Dom - Uhr auf!"

Entnommen mit freundlicher Genehmigung des Verlages C.J. Bucher' München, aus Buchen Reisebegleiter "Mecklenburger Seen".

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