Die Totenhochzeit in der Rotenkirche


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Die Trümmer der Rotenkirche liegen im Neugartener Busch bei Hinrichshagen.

Der Pastor in Hinrichshagen bekam Bescheid, er möchte in der Rotenkirche am Freitag ein Brautpaar trauen. Er dachte, das könnte nicht sein und ging nicht hin. Am nächsten Freitag kam derselbe Bescheid und so zum dritten Mal. Da sagte der Pastor zu seinem Kutscher: "Du musst mich hinfahren, es hilft nichts, die da in der Rotenkirche lassen mir keine Ruhe. Aber ich rate Dir, dass Du nicht vom Bock runtersteigest und auch keinerlei Erfrischung annimmst; wenn sie Dir zu essen oder zu trinken bringen, nimm es nicht, sonst haben sie Macht über Dich!"

In der Rotenkirche war eine große Versammlung von lauter hochzeitlich geputzten Leuten, und das Brautpaar stand schon vor dem Altar. Der Pastor fing sofort an zu predigen, denn ihm war unheimlich zumute, und er wollte gern möglichst bald wieder nach Hause. Er traute das Paar, und als er den Segen sprach, riefen einige aus der Gemeinde: "Da sieht ein Mensch durch's Schlüsselloch!" Der Pastor wusste, dass dies nur sein Kutscher sein könnte, denn der war sehr neugierig, fasste sich aber schnell und antwortete: "Das ist auch einer von der Hochzeit zu Kanaan". Damit gaben sie sich zufrieden und waren still.

Als die Feier beendet war, beeilte sich der Pastor, aus der Kirche zu kommen. Er hatte seinem Kutscher Bescheid gesagt, dass er sofort im schnellsten Tempo losfahren sollte, sobald er auf dem Wagen sei. Er sprang also mit einem Satz auf den Wagen, und der Kutscher schlug auf die Pferde ein, sie zogen an und rasten los wie wild. Der Wagen jagte über Stock und Stein und die ganze Hochzeitsgesellschaft hinterher. "Wenn wir im Hof sind", rief der Pastor dem Kutscher zu, "springe ich ab und laufe ins Haus, und Du schneidest die Stränge durch und ziehst die Pferde in den Stall."

So wurde es gemacht und beide waren unter Dach und Fach, ehe die Geister herankamen. Der Wagen war stehen geblieben, und der Pastor fand am nächsten Morgen 2 mit Dukaten gefüllte Kisten darauf, eine unter seinem Sitz, die andere unter dem Bock. Er nahm sie an sich und sagte kein Sterbenswörtchen davon.

Die Geister ließen dem Kutscher keine Ruhe, sie kamen alle Nacht und fragten, ob er seine Belohnung schon bekommen hätte, sie ließen nicht nach, bis der Pastor dem Kutscher die eine Kiste mit Louisdor ausgehändigt hatte, dann verschwanden sie und zeigten sich nie mehr. Die Rotekirche soll im Dreißigjährigen Kriege zerstört, und die ganze Hochzeitsgesellschaft mitsamt dem noch ungetrauten Brautpaar soll dabei umgekommen sein. Jedes ungelöste Versprechen stört aber die Ruhe im Grabe.

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